Die CHRONIK DER ÄLTESTEN TANZSCHULE DEUTSCHLANDS

Schaller, die Schule für Tanz seit 1839

Friedrich Schaller (1820-1879)

Friedrich_Schallerwar noch ein sehr junger Mann, als er sich 1839 entschloss seine Lehrtätigkeit für Turnen, Fechten, Reiten und Gymnastik mit der für Tanz zu verbinden. Damit entstand die älteste Tanzschule Deutschlands. Vorher unterrichteten die Tanzmeister an den Höfen der Fürste und Herzöge, eventuell waren auch die Töchter und Söhne des Adels mit einbezogen, aber eine selbständige Tanzschule für die Kinder des Bürgertums und der Bauern gab es nicht, es sei denn, man ließ sich den Tanzmeister ins Haus oder auf den Hof kommen. Nun mussten für den Unterricht der Eleven geeignete Räumlichkeiten gesucht und gemietet werden. In den Dörfern und Städten waren es zumeist Gasthöfe, wo unterrichtet wurde, in Altenburg auch im alten Stadtgut in der Teichstraße in Teichtornähe oder in Beers Fürstenkeller. Als offizielles Gründungsdatum ist in den Annalen der Tanzgeschichte Altenburgs und denen der Familie Schaller der 12. September 1839 eingetragen.

haus_1839Friedrich Schaller ging 1842 auf eigene Kosten an die Dessauische Turnakademie, um sich als Turnlehrer ausbilden zu lassen. Am 1. Juni 1843 heißt es: „Fr. Schaller, Fechtmeister und Lehrer der Gymnastik, nach erlangter obrigkeitlicher Erlaubnis beginnt den Unterricht in Gymnastik für beide Geschlechter“. Die „Altenburger Nachrichtenblätter“ von 1847 und 1848 vermeldeten, dass im II. Bezirk Nr. 338 beim Tischlermeister Engelmann wohnend vom 1. April an Friedrich Schaller wolle „mittwochs und sonnabends von 3 bis 5 Uhr einen Sommerkurs im Turnen und Tanzen durchführen“ und er „tue auch Bier auf“.

Friedrich Schaller musizierte mit seiner Tanzmeistergeige, einer Viertelgeige, heute noch in Schallers Familientresor ein Musikinstrumentenmuseumsstück. Er spielte zum Teil eigene Melodien in Dorfgasthöfen, Stadtrestaurationen und ihren Sälen – ursprünglich war „Saal“ nur ein größeres Zimmer – zur „monnsenbenahmje“, zur Tanzstunde, und lehrte dort die Stadt- und Dorfjugend das „Rechts- und Linksherum“, lange Zeit etwas „Schröckliches“ und verpönt, wie das „offene Tanzen“. Zugleich beobachtete Friedrich Schaller, wie die Altenburger Bauern den „Hopser“ und den „Rumpuff“ tanzten, damit er die jüngeren Leute auch lehren konnte, was die Alten nicht nur tanzten, sondern auch vom Tanzlehrer erwarteten.

Arno Fritz August Eduard Schaller (1861-1930)

Arno_Fritz_August_Eduard_SchallerAls Arno Schaller am 2. Oktober 1879 das väterliche Geschäft übernimmt, geht zunächst alles in der Tanzschule seinen gewohnten Gang. Auf die Trittstunden getrennt nach Männlein und Weiblein folgt der eigentliche Tanzkurs für die Söhne und Töchter vom Land und aus der Stadt, für die Schüler und Lehrlinge, für die der höheren Töchterschule, aus dem Friedrichgymnasium, dem Lehrerseminar und dem Realgymnasium.

Bewährte, sogenannte alte Tänze werden weiter gelehrt. Höfische Etikette spielt zunächst noch eine unübersehbare Rolle bei Quadrille a la cour, Contré, Tyrolienne, Polonaise zu Beginn von Abschlussbällen, auch als Beginn von Turnieren (Einmarsch der Paare bzw. Einmarsch zur Siegerehrung). Aber es folgen neue Tänze, natürlich am gravierendsten anders in den Jahren der Weimarer Republik: Cake-Walk, der „Sprach-Brockhaus“ von 1938 bezeichnete ihn als „grotesken Negerwettanz, englischer Kuchentanz“, um 1860 in Florida aufgekommen; Palais-glide (Palastrutscher); Charlston um 1925 aus Boston: Das Tangofieber beginnt um 1906, 1911.Der Foxtrott, als „Hundetanz“, „Tiertanz“, „Wackel- und Schiebetanz“ bezeichnet, erobert von England kommend Europa. 1909 gibt es erstmals Weltmeisterschaften im Gesellschaftstanz und 1912 das 1. Deutsche Tanzturnier, Deutsche Meisterschaften 1920. Aber zugleich auch immer wieder Walzer.

1921 führt der Reichsverband der Amateure One Step, Boston und Tango ein. Annoncen im Vaterländischen Geschichts- und Hauskalender bzw. in der Tagespresse verweisen noch 1886, 1897 und 1904 darauf, dass die Schule als „Friedrich Schallers Tanz- und Turnlehr-Institut“ firmiert.

Joachim „Jim“ Schaller (1908-1993) und Liselotte „Lilo“ Schaller (1915-1999)

Joachim_SchallerAls Arno 1930 starb, wurde bis nach dem II. Weltkrieg Jims Schwester Irmgard „Mimi“ Schaller verheiratete Künstler als Tanzlehrerin aktiv. Joachim Schaller übernahm die Schule am 1. April 1930. Wieder war es der Ernst der Zeit, der viel Kraft und Nerven erforderte. Die Jahre 1933-1945 mit Nationalsozialismus und II. Weltkrieg bringen beträchtliche Einschnitte für das persönliche Leben, für die Tanzschule, für Altenburg überhaupt. Das erste Jahr des Tanzlehrers Schaller wird in vielerlei Hinsicht bedeutsam für die Geschichte der Tanzschule. Joachim war ja Balletttänzer gewesen. Eigentlich war sein Wunsch, Tierarzt zu werden. Ein beeindruckendes Gastspiel eines französischen Ballettensembles in Altenburg führte zur Änderung des Berufswunsches. Ausbildungsjahre in Leipzig folgen, das Engagement in Düsseldorf und der Solovertrag für Köln. Da erkrankt der Vater; die Schule braucht einen ausgebildeten Lehrer für Gesellschaftstanz. Zur Qualifikation war Joachim Schaller bei Reinhold Sommer in Berlin.

Der erste Kurs des frischgebackenen Lehrers für Gesellschaftstanz beginnt mit einem Paukenschlag. Als 15jährige ist Liselotte Carls unter den Schülerinnen. Aus der Gymnastikkurs- und Tanzkursteilnehmerin wurde die Ehefrau. Wie erzählte Lilo immer: „Er kam, er sah, und ich siegte“, und daraus wurde bei Tanzstunden und Bällen sein ergänzender Satz: „Meine Regierung und ich begrüßen Sie auf das Herzlichste“. 1937 heirateten beide und Kinder folgten: Edda, die spätere Kammersängerin, Ulrich, der Ballettmeister und heutige Chef des Hauses, und Henning, Professor und Bühnenbildner in Berlin und Dresden.

Lilo hatte mit sechs Jahren bei Annemarie Stade ihre Ausbildung in tänzerischer Gymnastik begonnen und als Tanzlehrerin bei Reinhold Sommer und Ballett bei Joachim Schaller in Altenburg fortgesetzt. Das 100. Jubiläum der Tanzschule konnte kein großer Festakt werden. In der Vorbereitung darauf war beabsichtigt worden, einen Tanzkreis zu schaffen, aber da kam der Krieg. Während dem Krieg musste die Tanzschule von Lilo allein gehalten werden, auch Bewegungsgymnastik im Lazarett und Kurse außerhalb Altenburgs kamen hinzu. Per Fahrrad ging es zum Kurs nach Schmölln bei Wind und Wetter. Ballett, Volkstanz und Gymnastik gehörten zum Programm. Ende der 50er Jahre folgten Calypso, Rumba Bolero und Mambo Bolero, 1962 Bossa Nova, eine englische Sambavariante, 1965 der französische La Bostella und der griechische Sirtaki. 1949 wird der Tanzkreis Schwarz-Gold gegründet, aber das wird ein Kapitel für sich.

Ulrich Schaller (*1942) und Birgit Schaller (*1959)

Tradition wird hoch gehalten, meint der Zeptergewaltige, der nach der Ausbildung an der Palucca-Schule 1960-1965 in Dresden aktiv, an den Theatern als Solotänzer unter anderem auch 2 Jahre an unserem Theater und 21 Jahre an der Dresdner Staatsoper tanzte. Die beiden letzten Jahre in Dresden unterrichtete er als Dozent für Pas de deux und Klassisch an der Palucca-Schule. In St. Petersburg, damals noch Leningrad, erwarb er nach 2jährigem Studium 1982-1984 an der weltbrühmten Waganowa-Ballettschule den Ballettmeistertitel für Choreographie und den Trainingsmeister.

Um Lehrer für Gesellschaftstanz zu werden, bedurfte es des Umlernens. Das erfolgte bei Tanzlehrer Lothar Regehr in Halle. Es war leicht, aufgrund der Balletttänzer- und Ballettmeistererfahrung, es war aber auch nicht leicht, aufgund der fehlenden Turniertänzererfahrung, die heute meist junge Tanzlehrer beim Übergang vom Amateursonderklassenpaar ins Profilager besitzen. Die Ehefrau Birgit, geb. Schönburg, studierte nach dem Abitur von 1978-1982 an der Palucca-Schule, unterrichtet auch vom späteren Gatten. Bis 1984 tanzte sie dann am Friedrichstadtpalast in Berlin, kam danach für fünf Jahre zu ihrem Mann nach Halle als Gruppentänzerin mit Soloverpflichtung. Auch Birgit Schaller musste von der Balletttänzerin zur Tanzlehrerin umsatteln und wurde bei Rainer Graf in Dresden ausgebildet.

Früher gab es nach dem Anfängerkurs nur den Fortschrittskurs, heute folgen dem A-, der B-Kurs und die Kurse Bronze, Silber und Gold, an deren Abschluss öffentliche Abzeichenprüfungen stehen, die auswertige Tanzlehrer übernehmen, eine Voraussetzung für den Übergang zum Tanzkreis. Heute ist die Tanzschule Schaller die einzige im Kreis Altenburg.

Am 12. September 1989 übergaben Jim und Lilo die Tanzmeistergeige, aber auch den Knüppel „Letztes Mittel für hoffnungslose Fälle“, an den Sohn Ulrich und Frau Birgit.

Am 26. März 1993 verstarb Joachim Schaller im Alter von 84 Jahren. Eine Weile konnte die „Meestern“ noch Rat geben und durch ihr Lachen und ihre Ideen Freude und Kraft geben, und das nicht nur wie zuletzt bei der Kinder- und Frauengymnastik. Am 7. Juli 1999 ging auch Lilo Schaller von uns, unvergessen, in ehrenvoller und bleibender Erinnerung.

Henriette Schaller (*1984) und Therese Schaller (*1989)

Unter der Leitung von Ulrich und Birgit Schaller veränderte sich auch das Angebot der Tanzschule. Neben den klassischen Erwachsenenkursen des Welttanzprogramms wurde vor allem das Kindertanzen für die Kleinsten sowie das Heranführen von Grundschülern an den sportlichen Turniertanz eingeführt. Kein Wunder – konnten sich doch bereits die eigenen Töchter Henriette und Therese frühzeitig für den Tanzsport begeistern.

Henriette begann bereits im Alter von 6 Jahren mit dem Turniertanz bei Silke Seidel aus Leipzig und wechselte mit 16 Jahren zum STK Impuls Leipzig. Dort, unter der Leitung des Bundesjugendtrainers Asis Khadjeh-Nouri und des Landestrainers Dirk Heidemann, erreichte sie mit ihrem Tanzpartner Marco Dehm die Sonderklasse über zehn Tänze und wurde in die Mannschaft des Nationalkaders aufgenommen. Nach dem Abitur ließ sie sich zur ADTV-Tanzlehrerin und zur Trainerin C Leistungssport im DTV in der Tanzschule Hoppe in Berlin bzw. bei Carola Reuschenbach-Kreutz in Jena ausbilden. Im Jahr 2006 verabschiedete sie sich vom aktiven Einzeltanzsport, blieb allerdings der A-Lateinformation des Altenburger Vereins als Tänzerin erhalten. Neben der regulären Tätigkeit als Tanzlehrerin und Trainerin im 1.TSC Tanzkreis Schwarz-Gold konnte sie den ehemaligen Jugendtanzkreis, welcher  aus der Tanzschule hervorgegangen war, für die Standardtänze begeistern und gründete 2007 eine Standardformation. Im Jahr 2009 heiratete Henriette und bereits ein Jahr später wurde Tochter Helene Lieselotte geboren. 2011 ließ sie sich zur ADTV Tanzsporttrainerin ausbilden, schloss 2014 die Ausbildung zur theoretischen Berufsausbilderin im ADTV und 2015 die Ausbildung zur Trainerin B Leistungssport im DTV ab.

Die fünf Jahre jüngere Schwester Therese begann frühzeitig mit dem Kindertanz, um dann ebenfalls mit 6 Jahren bei Frau Silke Seidel die Grundschritte des Welttanzprogramms zu erlernen und in den aktiven Turniertanzsport einzusteigen. Hier tanzte sie in beiden Sektionen (Standard und Latein) bis in die höchste Leistungsklasse der Jugend und war Mitglied im Thüringer Landeskader. Bereits mit 13 Jahren konzentrierte sie sich mehr auf den Formationstanzsport und absolvierte neben Einzelturnieren auch Wettkämpfe mit der A-Lateinformation in Landes- und Oberliga. Den aktiven Einzeltanzsport beendete sie 2007, um im gleichen Jahr mit der Trainertätigkeit für das B-Team der Lateinformation im Tanzsportclub Altenburg zu beginnen. Nach dem Abitur 2007 absolvierte sie bei Carola Reuschenbach-Kreutz in Jena die Ausbildung zur ADTV-Tanzlehrerin, mit den Zusatzausbildungen in den Bereichen Kindertanz, Hip-Hop, Salsa und Latinotänze, welche sie 2010 erfolgreich beendete.

Am 27.12.2009 übergab der bisherige Inhaber der Tanzschule, Ulrich Schaller, die wohlgeliebte Tanzmeistergeige an seine Töchter und übertrug somit die Leitung an die nächste Generation. Nach 170 Jahren ging die Geige zum ersten Mal in weibliche Hände. Henriette und Therese Schaller haben es sich zur Aufgabe gemacht, die lange Tradition weiterzuführen, moderne und fortschrittliche Einflüsse mit den traditionellen zu vermischen und den Tanz im Altenburger Land und über dessen Grenzen hinaus für Jung und Alt attraktiv zu gestalten.

Textquellen:

  • „Tanz im Ernst und Wandel der Zeiten“ von Karl Heinz Gehlauf erschienen im E. Reinhold Verlag, Altenburg, 1999
  • Jana Köhler, 1.TSC TK Schwarz Gold Altenburg e.V.